Körperwissen
Die weibliche Anatomie verstehen
Vulva, Vagina und die vollständige Klitoris: Wer den eigenen Körper kennt, begegnet ihm mit mehr Selbstverständlichkeit – und mehr Freude.

Die Vulva: der sichtbare Bereich
Was im Alltag oft ungenau „Vagina“ genannt wird, ist eigentlich die Vulva – der gesamte äußere Intimbereich. Zu ihr gehören der Schamhügel (Mons pubis), die äußeren und inneren Schamlippen (Labia majora und Labia minora), die Klitoris mit ihrer schützenden Vorhaut sowie der Scheidenvorhof (Vestibulum), in den die Harnröhre und der Scheideneingang münden. Jede Vulva ist einzigartig – in Form, Farbe und Größe gibt es eine enorme, völlig normale Vielfalt.
Die Vagina: der innere Raum
Die Vagina (Scheide) ist ein dehnbarer, muskulärer Kanal von durchschnittlich sieben bis zehn Zentimetern Länge, der die Vulva mit dem Gebärmutterhals verbindet. Ihre Wand ist gefaltet (in sogenannten Rugae), was ihr eine große Dehnbarkeit verleiht. Die Vagina reinigt sich weitgehend selbst und hält durch Milchsäurebakterien ein leicht saures, gesundes Milieu aufrecht. Bei Erregung sorgt eine vermehrte Durchblutung für die natürliche Befeuchtung (Lubrikation).
Die Klitoris ist größer als gedacht. Die Urologin Helen O’Connell zeigte bereits 2005 mit anatomischen Untersuchungen und MRT, dass die Klitoris ein weit ausgedehntes Organsystem ist, das tief in das Becken hineinreicht – der sichtbare Teil ist nur die Spitze.
O’Connell HE et al.: „Anatomy of the Clitoris“, Journal of Urology, 2005.Die Klitoris: das unterschätzte Organ
Lange Zeit reduzierten selbst medizinische Lehrbücher die Klitoris auf das kleine, sichtbare „Perlchen“. Tatsächlich ist die Klitoris ein ausgedehntes, überwiegend inneres Organ. Sichtbar ist nur die Klitoriseichel (Glans). Darunter setzen sich der Schaft und zwei Schenkel (Crura) fort, die sich wie ein Wischbaum entlang des Schambeins nach hinten spannen. Sie können mehrere Zentimeter lang werden.
Und die Klitoris hat nur eine einzige biologische Funktion: Lust. Sie ist die einzige Struktur im menschlichen Körper, deren alleiniger Zweck das sexuelle Empfinden ist.
Mindestens 10.281 Nervenfasern. Ein Forschungsteam um Dr. Blair Peters (Oregon Health & Science University) zählte erstmals präzise die Nervenfasern des Klitoris-Nervs. Ergebnis: im Mittel rund 5.140 Fasern pro Seite, hochgerechnet mindestens 10.281 Nervenfasern in der Klitoriseichel – und damit noch mehr als zuvor angenommen. Zum Vergleich führten die Forschenden an, dass der große Handnerv rund 18.000 Fasern besitzt, obwohl die Hand ein Vielfaches größer ist.
Peters B, Uloko M et al., präsentiert 2022 (SMSNA/ISSM); publiziert im Journal of Sexual Medicine, 2023. Mitteilung der OHSU, 27.10.2022.G-Punkt, Schwellgewebe und die „innere Klitoris“
Rund um den Scheideneingang liegen die Vestibularbulben – zwei Schwellkörper aus erektilem Gewebe, die bei Erregung anschwellen. Der vielzitierte G-Punkt (nach dem Gynäkologen Ernst Gräfenberg) beschreibt eine besonders empfindsame Zone an der vorderen Scheidenwand. Heute gehen viele Fachleute davon aus, dass es sich dabei weniger um einen isolierten „Punkt“ handelt als um das Zusammenspiel von innerer Klitoris, Schwellgewebe und den umliegenden Drüsen – manche sprechen daher vom „klitoralen Komplex“.
Drüsen, Damm und Beckenboden
Zur weiblichen Anatomie gehören weitere wichtige Strukturen: die Bartholin-Drüsen, die zur Befeuchtung beitragen; die Skene-Drüsen, die mit dem Phänomen der weiblichen Ejakulation in Verbindung gebracht werden; der Damm (Perineum) zwischen Scheide und After; und der Beckenboden – ein Muskelnetz, das die Beckenorgane trägt und eine große Rolle für Kontinenz, Stabilität und sexuelles Empfinden spielt.
Warum dieses Wissen zählt
Studien zeigen immer wieder, dass viele Frauen – und Männer – die weibliche Anatomie kaum benennen können. Dieses Wissen ist jedoch mehr als Theorie: Wer den eigenen Körper kennt, kann Bedürfnisse besser ausdrücken, Grenzen klarer setzen und Lust bewusster erleben. Genau hier setzt auch die Orgasmusforschung an – und die Praxis der Yoni-Massage, die den Körper als Ganzes einbezieht.
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Häufige Fragen
Sind Vulva und Vagina dasselbe?
Nein. Die Vulva ist der äußere, sichtbare Bereich (Schamhügel, Schamlippen, Klitoris, Scheidenvorhof). Die Vagina ist der innere Muskelschlauch, der Vulva und Gebärmutter verbindet. Umgangssprachlich wird beides oft verwechselt.
Wie groß ist die Klitoris wirklich?
Nur ein kleiner Teil der Klitoris ist von aussen sichtbar. Der größte Teil liegt im Inneren und umfasst Schaft, zwei bis zu neun Zentimeter lange Schenkel (Crura) und die Schwellkörper (Vestibularbulben). Insgesamt ist die Klitoris ein etwa handtellergrosses Organsystem.
Wie viele Nervenenden hat die Klitoris?
Eine Studie der Oregon Health & Science University (2022) zählte in der Klitoriseichel im Mittel mindestens 10.281 Nervenfasern – deutlich mehr als lange angenommen. Die Klitoris ist damit das dichteste sensorische Organ ihrer Art im menschlichen Körper.